Kant und Kunst für Kenner

April 21, 2017

Nach dem nun schon vertrauten Frühstück im Hotel Tourist waren die energetischen Voraussetzungen für einen weiteren dicht gefüllten Tag geschaffen. Zunehmend routiniert versammelte man sich um 9.30h am und im Bus, um die Stadtrundfahrt vom Mittwoch noch einmal zu erweitern und zu vertiefen. Wenn vereinzelt individuelle Unternehmungen verwirklicht wurden, zeigte das nur, dass sich die Kant-Reisenden bereits gut in der Stadt zurechtfanden und einige Gruppenmitglieder ganz persönlichen Interessen nachgehen wollten, seien es die Shopping-Tour oder auch die Entdeckung bekannter und unbekannter Winkel der Stadt. 
Der Bus steuerte zunächst die Universität mit dem Kant-Denkmal von Christian Daniel Rauch an. Marion Gräfin Dönhoff ist es zu verdanken, dass der Philosoph heute wieder an einem ihm gemäßen Ort in der Stadt präsent ist.

 

Die Plakette, die am Gebäude der Kant-Universität an ihn erinnert, ist leider seit kurzer Zeit verschwunden, ein bedauerlicher Sachverhalt, dem nachzugehen wäre. Schnell entwickelten sich an diesem zentralen Ort jeder Kant-Reise lebhafte Photoaktivitäten in vielfältigen Konstellationen. Auch für einen Blick auf den Eingang des Lasch-Bunkers in der Nachbarschaft fand man noch Zeit. Eher spontan in das Programm eingeschoben, aber sicherlich lohnend war der sich anschließende Besuch in der E.T.A. Hoffmann Musikschule. Die Kant-Reisenden wurden von der Direktorin der Einrichtung freundlich empfangen und konnten sich ein Bild von einer seit vielen Jahren beliebten musischen Förderinstitution machen, die gleichzeitig in einem kleinen, aber reichhaltigen Museum an den in Königsberg geborenen Dichter, Zeichner und Komponisten E.T.A. Hoffmann erinnert. Hoffmann gilt in Russland neben Heinrich Heine als bekanntester deutschsprachiger Dichter (erst dann folgen Schiller und Goethe), seine Stellung in der Literaturgeschichte ist bedeutend, auch in ihrer Wirkung in die Moderne hinein. In der sehr lebendigen Hoffmann-Forschung gibt es Stimmen, die den Dichter in einer eigenen Königsberger Romantik verorten. Unsere engagierte und überaus bemühte Stadtführerin Larissa machte auf dem Weg zur Kaliningrader Kunstgalerie wieder auf viel Sehenswertes aufmerksam. Nach der Ankunft in der Galerie näherte sich das Tagesprogramm seinem ersten Höhepunkt. In einer sehr bewegenden und würdigen Zeremonie erfolgte die offizielle Übergabe der Bronze-Büste der Königsbergerin Britta v. Zezschwitz, geb. Bruns (1911-2010), durch Gerfried Horst an die Direktorin der Kunstgalerie, Galina Sabolotskaja. Das Werk des Bildhauers Stanislaus Cauer fügt sich ideal in die Sammlung des Museums, das bereits über sechs weitere Arbeiten des Künstlers verfügt. Durch seine persönliche Verbindung mit Britta v. Zezschwitz, der Tochter des medizinischen Direktors der Königsberger Kliniken, und ihrer Familie gelang es Gerfried Horst, mit Hilfe von Frau Regina Wangemann die Cauer-Büste nach Königsberg zurückzubringen. In Anwesenheit des deutschen Generalkonsuls Dr. Michael Banzhaf und einer Vertreterin des zuständigen russischen Ministeriums, die beide die Übergabe mit wohlwollenden und unterstützenden Worten begleiteten, nahm Galina Sabolotskaja die Büste und mehrere Buchgeschenke sowie einige Zeichnungen von Heinrich Wolff und Maria Lahrs mit herzlichem Dank entgegen. Im Anschluss daran bestand die Möglichkeit, die Königsberg-Sammlung der Kunstgalerie eingehender zu besichtigen, was vor allem von den „Neulingen“ gerne wahrgenommen wurde. Wieder einmal zeigte sich im Gespräch mit der bemerkenswert einfühlsamen und kundigen Museumsführerin, wie offen und wissbegierig man an diesem Ort mit dem deutschen kulturellen Erbe umgeht. Es sei die „Mission“, die Kunst vor 1945 auch für künftige Generationen zu bewahren und zu erhalten. Das schließe die Gegenüberstellung mit zeitgenössischen Ansichten und Reflexionen von und über Kaliningrad/Königsberg selbstverständlich nicht aus.

 

 

 

 

Für viele Reiseteilnehmer am berührendsten waren aber wohl die vielen seltenen Photos der Sammlung aus der Vor- und unmittelbaren Nachkriegszeit. Nach diesen intensiven Eindrücken versammelten sich die Kant-Freunde im Restaurant der Galerie zum wohlverdienten Mittagsimbiss. Auch wenn sich der Himmel über Königsberg beim Verlassen des Museums zunehmend grauer und regnerischer präsentierte, beeinträchtigte das keineswegs die Gesamtstimmung. Nahten doch schon weitere inhaltliche Höhepunkte der diesjährigen Kant-Reise.

Im Kulturzentrum Sackheimer Tor war bereits alles vorbereitet für ein funkelnde Kette von erhellenden und inspirierenden Vorträgen. Nach der Begrüßung durch die Hausherrin Olga Juritsyna, Vorsitzende des regionalen Photokünstlerverbandes, übernahm Svetlana Kolbanjowa gewohnt souverän und schwungvoll die Moderation des Nachmittags. Zunächst berichtete Galina Sabolotskaja von den Umzugsplänen der Kunstgalerie in die alte Börse der Stadt Königsberg. Neben der Königsberg-Sammlung soll dort eine Dependance der Eremitage St. Petersburg mit weiteren Dauer- und Sonderausstellungen entstehen.

 

Bis 2020 will man die ambitionierte Planung umsetzen, im Moment wird dringend um Mithilfe bei der Suche nach alten Außen- und Innenansichten der Börse gebeten. Marina Pachaljuk, die stellvertretende Direktorin der Kunstgalerie, stellte im zweiten Vortrag des Nachmittags die Fortschritte bei der Restaurierung des Geburtshauses von Lovis Corinth (1858-1925) in Tapiau/ Gwardejsk vor. Bereits jetzt existieren in dem Ort vielfältige Aktivitäten, die vor allem Kinder und Jugendliche mit dem Werk Corinths bekannt machen möchten und Wege suchen, um sich künstlerisch mit den Arbeiten des Malers auseinanderzusetzen. Die Wiederherstellung des Geburtshauses soll die kulturelle und touristische Bedeutung des Ortes Gwardejsk noch verstärken. Dies gilt natürlich ebenso für die Bemühungen, das für Kant so wichtige Pfarrhaus in Judtschen/ Weselowka wiederaufzubauen. Über dieses Projekt informierte der dritte Vortrag von Anatolij Walujew, dem stellvertretenden Direktor des Kaliningrader kunsthistorischen Museums. Die Arbeiten in Weselowka schreiten dank großzügiger staatlicher Unterstützung inzwischen zügig voran und werden nach Auskunft des Vortragenden auch von der lokalen Bevölkerung positiv bewertet. Auf der Website des Museums kann man sich über eine Webcam vom Fortgang der Bauarbeiten überzeugen. Nach diesen dichten Informationen durfte das Auditorium kurz Luft holen und sich bei Kaffee, Tee und Gebäck stärken. Im folgenden Vortrag von Prof. Dr. Alexei Krouglov (Moskau), einem der bedeutendsten russischen Kant-Forscher der jüngeren Generation, konnten sich die Zuhörer an einer brillanten und im Duktus äußerst angenehmen Darstellung der Kant-Rezeption bei Lew Tolstoi erfreuen. Tolstoi beschäftigte sich seit 1869 mit Kant, ihn interessierte insbesondere Kants Ethik. Kants Bedeutung sah er vor allem in dessen religiösen und christlichen Schriften. Kants komplizierte Sprache beurteilte Tolstoi eher kritisch, was ihn auch dazu bewegte, im Jahr 1906 eine Auswahl von 189 Kant-Aphorismen zusammenzustellen, die den Philosophen einem breiteren Publikum zugänglich machen sollten. Diese Sammlung liegt seit Kurzem auch in deutscher Sprache vor. Auch in seinen Antworten auf Fragen zur neueren Kant-Rezeption zeigte Prof. Krouglov bewundernswerten Scharfsinn und Esprit. Der Bildungshunger der Kant-Reisenden wurde an diesem Nachmittag allemal gestillt – doch handelte es sich keinesfalls um schwere Kost, sondern vielmehr um einen auf beste Weise aufbereiteten intellektuellen Genuss. Vermutlich mussten und wollten dennoch viele Gruppenteilnehmer die Eindrücke des Nachmittags erst einmal in Ruhe sortieren und verarbeiten. Erwähnt soll aber noch werden, dass Dr. Iris Berndt als Direktorin des Käthe-Kollwitz-Museums Berlin den Kant-Freunden eine druckfrische Schrift zu Käthe Kollwitz‘ Leben und Wirken im Königsberger Gebiet präsentieren konnte. Die Publikation leitet die Aktivitäten zum 150. Geburtstag von Kollwitz am 8. Juli 2017 ein. Nach der Rückkehr ins Hotel klang der Abend gesellig oder ruhig aus, in den meisten Fällen aber wohl sehr dankbar darüber, einen weiteren erfüllten Tag in der Stadt Kants erlebt zu haben.


Diesen Textbeitrag widme ich meinem Vater Wolfram Hahn, geboren 1929 in Königsberg, getauft und konfirmiert im Königsberger Dom, Schüler des Collegium Fridericianum und Nachfahre Robert Motherbys.

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